Nomen-Verb-Projekt

Erwerb und Verarbeitung von Nomen und Verben

Ausgehend von deskriptiv erfassbaren sprachsystematischen Unterschieden zwischen Nomen und Verben wird deren Einfluss auf psycholinguistische Prozesse (wie Verarbeitung, Erwerb, Störbarkeit, sprachabhängige Variation) untersucht. Wortartspezifische Differenzen werden in unterschiedlichen Einzelsprachen und bei verschiedenen Populationen erwartet. Geprüft wird, wie sich erwachsene Sprecher bei der Verarbeitung von Objekt- und Handlungsbegriffen verhalten und wie Kinder im Spracherwerb produktiv und rezeptiv mit diesen Kategorien umgehen. Weiterhin wird untersucht, wie sich das Benennen von Nomen und Verben in unterschiedlichen Sprachen entwickelt und welche wortartspezifischen Effekte bei Personen bzw. Gruppen mit Sprachstörungen bestehen.

Die Wortverarbeitung erwachsener Probanden wird durch Reaktionszeitexperimente experimentell überprüft. Zum einen wurden in Zusammenarbeit mit Jenny Postler (Zentrum für angewandte Psycho- und Patholinguistik Berlin) Benennlatenzen beim Bildbenennen erhoben. Gemeinsam mit Prisca Stenneken (Universität Eichstätt-Ingolstadt/ FU Berlin) wurden auch Reaktionszeiten beim lexikalischen Entscheiden über unflektierte und flektierte Nomen- und Verbstimuli gemessen.

Der kindliche Umgang mit Nomen und Verben wird überwiegend über Aufgaben erfasst, die auf Bildmaterial beruhen. Hier wurde ein Test erstellt und verwendet, der als Zielitems 36 Nomen und 36 Verben enthält, wobei Subkategorien (transitive und intransitive Verben bzw. natürliche Objekte und Artefakte) gleichmäßig vertreten sind. Die erste Konzeption erfolgte 1996-1999 in Kooperation mit Ria De Bleser (Universität Potsdam) sowie mit Jackie Masterson (Universität Essex) und Jules Davidoff (Goldsmiths College, University of London) im Rahmen eines ARC-DAAD Programms („the development of a picture naming test for nouns and verbs in German“). Das linguistische kontrollierte Testmaterial liegt mittlerweile in einer produktiven Version als Bildbenennaufgabe und in einer rezeptiven Version als Wort-Bild-Zuordnungsaufgabe vor.

Beispiel aus dem Verständnistest (Zielitems Zebra und schieben):

Für den Sprachvergleich wurden Daten von Kindern mit türkischer, koreanischer und englischer Muttersprache erhoben und mit den deutschen Daten unter quantitativen und qualitativen Aspekten verglichen. Im Rahmen eines von der Korean Research Foundation geförderten Projektes in Zusammenarbeit mit Lee Hae-Wook (Pusan University of Foreign Studies) und Pae Soyeong (Universität Hallym) wurde das Benennen von Nomen und Verben bei 240 ungestörten deutschen Kindern zu den Daten von ebenfalls 240 ungestörten koreanischen Kindern in Beziehung gesetzt. In einer Fortführung wurden die Benenn- und Verstehensleistungen von jeweils 10 sprachentwicklungsgestörten Kindern beider Sprachen (mit entsprechenden Kontrollgruppen) untersucht. Darüber hinaus nahmen auch 60 türkische Kinder am Benenntest teil [Poster als PDF-Datei]. Englische Daten konnten durch die Zusammenarbeit mit Christina Schelletter (University of Hertfordshire) einbezogen werden [Poster als PDF-Datei]. Das Testmaterial wurde außerdem in Zusammenarbeit mit Peter Marschik (Medizinische Universität Graz) mit Kindern angewendet, die österreichisches Deutsch erwerben. Eine Ausweitung auf die persische Sprache ist in Zusammenarbeit mit Reza Nilipour (University of Welfare & Rehabilitation Sciences, Universität Tehran) in Vorbereitung.

Um klinische Fragestellungen zu verfolgen, wurden erwachsene Patienten mit erworbenen Sprachstörungen (Aphasie) und Kinder mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen (im Vergleich zu alters- und MLU-angepassten Kontrollpersonen) untersucht (De Bleser & Kauschke 2003, Kauschke 2007). Den Befunden dieser Studien kommt besondere klinische Relevanz zu, da sie zur genaueren Beschreibung der Symptomatik von Sprachstörungen und zur Erstellung diagnostischer Instrumente beitragen.

Die Ergebnisse weisen klar auf eine differentielle Verarbeitung und Erwerbssequenz von Nomen und Verben hin. Im Sprachvergleich zeigen sich Gemeinsamkeiten sowie auch Unterschiede, die auf strukturelle Eigenschaften der Einzelsprachen zurückgehen. Kategoriespezifische Defizite treten eher bei sprachgestörten Erwachsenen als bei sprachentwicklungsgestörten Kindern auf, bei denen ein wortartübergreifendes produktives Defizit vorliegt. Insgesamt bieten die Ergebnisse Ansatzpunkte für eine Diskussion des Status’ von Wortarten in der menschlichen Sprachverarbeitung (siehe Kauschke 2007 „Erwerb und Verarbeitung von Nomen und Verben“).

Anschrift
Prof. Dr. Christina Kauschke
Philipps-Universität Marburg
Institut für Germanistische Sprachwissenschaft
Pilgrimstein 16
D-35032 Marburg